Text der Seite
Die Technische-Schule
1. November 1821 wurde am Dienstsitz des „Vereins“ in der Klosterstraße 36 die „Technische-Schule“ eröffnet.30 Die Gründung des gewerblich-technisch ausgerichteten Schultypus war ein Verdienst v. Steins, der 1817 zum ersten Minister des neu gegründeten Ministeriums für Kultus und Unterricht ernannt wurde. Dieser Schultyp wurde nur an einem Ort der Monarchie, nämlich in Berlin, als höhere gewerbliche Bildungsanstalt eingerichtet. Beuth knüpft in seinem 1821 veröffentlichten Programm für die „Technische-Schule“ in Berlin an die vorangegangene Organisation der von ihm besonders geförderten Handwerkerschulen an. Dank der Initiative des Gewerbeförderungsvereins ermöglichte die sächliche Ausstattung der Schule einen unerwartet frühen Einblick in die aktuelle Entwicklung der wesentlichen Branchen der Fabrikation. Zu den Hilfsmitteln zählten eine stattliche Bibliothek und Sammlung von Zeichnungen und Kupferstichen, maßstäblich hergestellte, funktionstüchtige Industriemodelle sowie in- und ausländische Maschinen, die auf der „Ausstellung vaterländischer Fabrikate“ von 1822 mit einem Preis ausgezeichnet worden waren. Laboratorien, eine mit Dampfmaschinenantrieb ausgerüstete Werkstatt und eine Kupferstecherei vervollständigten die Ausbildungseinrichtungen.
Die „Technische-Schule“ war eine organisatorisch und im Hinblick auf die Lehrinhalte weiter entwickelte Handwerkerschule, die etwa seit 1826 „Provinzial-Gewerbeschule“ hieß. Die Schule in der Klosterstraße wurde als Vollzeitschule konzipiert. Dies ging einher mit steigenden Anforderungen an die Vorbildung der Schüler. Gleichzeitig bedeutete dieser Strukturwandel die Herausnahme der „Technischen-Schule“ aus dem Fortbildungsangebot für bloße Elementarschulabsolventen. Auf der Grundlage einer guten Handschrift, des fehlerfreien schriftlichen und mündlichen Ausdrucks in der deutschen Sprache, der Beherrschung der Grundrechenarten und der Fähigkeit dem Unterricht schriftlich folgen zu können, sollten sich junge, in einem Gewerbe tätige Menschen (zunächst) unter 16 Jahren die Chance erarbeiten, später als Selbständige oder auf Führungsebenen zu arbeiten. Schwerpunkte in der Lehre waren die Chemie mit Laborübungen, die Baukonstruktion und die Ma-schinenlehre samt Entwerfen. Die Vermittlung naturwissenschaftlicher Lehrinhalte erfolgte in der Form schulmäßigen Klassenunterrichts, nicht in akademischen Vorlesungen.31 Leistung und strenge Disziplin im Unterricht spielten eine überragende Rolle. „Die Disciplin ist streng; nachlässige Schüler oder solche, die dem Unterricht nicht folgen können, werden in den ersten Monaten entlassen, damit sie die Lehrer nicht ermüden und anderen kein schlechtes Beispiel geben.“32 Das für die Aufnahme in der „Technischen-Schule“ geforderte allgemeine Grundlagenwissen lies vermuten, dass Beuth genau das Ausmaß der defizitären elementarschulischen Ausbildung erkannt hatte. In den bis zur Jahrhundertmitte im Grunde kaum veränderten elementarschulischen Unterrichtsbetrieb gab ein Magdeburger Lehrer im Jahr 1846 Einblick. Er geißelte mit scharfer Zunge die angewandten Lehrmethoden im Religionsunterricht, „weiht der zertretenen Kinderwelt eine Träne des Mitleids“ und berichtet, dass jede falsche Antwort in der Mathematik von „Prügeln in die Hände, Ohrfeigen, Maulschellen“ und anderen Hieben begleitet war.33
August Borsig

- Portrait August Borsigs (1804-1854)
August Borsig, von der „Königlichen Provinzial-Kunst- und Bau-Handwerksschule“ in Breslau (heute Wroclaw) kommend und ausgezeichnet mit der „Großen silbernen Preis – Medaille“ sowie einem Stipendium, verließ 1825 im Alter von 21 Jahren die Gewerbeschule ohne Abschluss.34 Die Legende behauptet hartnäckig, dass seine Fähigkeiten in der höheren Mathematik und Chemie nicht ausgereicht hätten, um das Examen zu bestehen. So meinte Beuth, dass er „die Segnungen der Anstalt nicht an Borsig verschwenden wollte“ und er sollte „Schuster und nicht Mechaniker werden“.35 Die unzureichenden Leistungen waren aber wohl eher Borsigs Skepsis gegenüber dem theoretischen Wissen zuzuschreiben. Praxis in der Eisenbearbeitung fehlte ihm. Zudem war Borsig auf Grund seiner Ausbildung mehr dem konstruktiven Architekturentwurf zugetan. Wozu sollte er sich den Formalitäten und dem erheblichen Arbeitsaufwand für die Abschlussprüfung unterziehen, wenn er doch die Zeit nutzbringender verwenden konnte, nämlich mit einer Tätigkeit in einer Eisengießerei? Ungeachtet der Auseinandersetzungen und ärgerlichen Wortwechsel, die es zwischen Borsig und Beuth gegeben haben soll, hat Beuth wohl nie ernsthaft an Borsigs Untalentiertheit geglaubt. Und da Beuth nicht nachtragend war, besichtigte er mit den „Zöglingen“ des „Gewerbe-Instituts“ in den 40er Jahren, als das Unternehmen Borsigs schon eine beachtliche Größe und Bedeutung erlangt hatte, die Fabrikanlagen des Maschinenbauers. Nach dem Bericht eines Augenzeugen stellte Borsig Beuth seinen Arbeitskollegen - wohl in Anspielung auf die früheren schulischen Leistungen - lachend mit der folgenden Willkommensadresse vor: „Da kommt er, der grobe Alte, der mir gesagt hat, ich solle Schuster, aber nicht Mechaniker werden, ich will seinen Jungen zeigen, wie eine ordent-liche Fabrik aussieht.“36 Borsig war und ist ein spektakuläres Beispiel dafür, dass schulische Versager, mittelmäßige Schüler oder vorzeitige Abgänger doch als Unternehmer große Erfolge in der Industriepraxis feierten. Beuth selbst sah sich genötigt, die bisweilen umgekehrt proportionale Beziehung zwischen erfolgreicher Schulkarriere und dem Erfolg gewerblicher Praxis zuzugeben.

Home