Wie viel Gender steckt in Technik?

Lässt sich die körperfixierte Geschlechtlichkeit mittels technischer Innovationen überwinden? Sind Roboter, Avatare und Künstliche Intelligenzen der nächste Schritt in eine chancengleiche Welt?

Bild: Doc Chewbacca/flickr.com

Von Anja Goetz

Kalte, nicht-organische Materie, Algorithmen, Kunststoffe und hochmodernisierte Verfahren. Technik gilt als neutraler Bereich. Das Synonym einer schnelllebigen Zeit, ganz nach dem Motto „was ich heute kaufe, ist morgen schon Elektroschrott“. So sollen beispielsweise Computer bis 2040 in der Lage sein, eine Datenrate von etwa 100 Billionen Bits pro Sekunde zu verarbeiten. Im Jahr 2008 waren es noch etwa 10 Milliarden Bits in der Sekunde. Und Technik gilt nicht nur als neutral, sie gilt auch als geschlechtsneutral. Denn eine geschlechtliche Einordnung läuft in westlichen Gesellschaften nach wie vor über einen organisch-fleischlichen Körper.

Können wir also die Sektgläser füllen? Lässt sich die körperfixierte Geschlechtlichkeit mittels technischer Innovationen überwinden? Sind Roboter, Avatare und Künstliche Intelligenzen der nächste Schritt in eine chancengleiche Welt? Eine Welt in der Geschlecht an Bedeutung verliert? Verbunden damit die Hoffnung, dass sich dominante Machtstrukturen auch gleich mal mitüberwinden lassen. 

Weit gefehlt! Technische Innovationen, allen voran die K.I.-Forschung, sind durchtränkt von Vorstellungen über und Erwartungen an Geschlecht. Die in Deutschland wohl bekanntesten K.I.´s heißen Siri und Alexa. Ständig verfügbar, immer freundlich, niemals fordernd. Als serviceorientierte Dienstbarkeiten lesen sie uns jeden Wunsch von den Lippen. Das alles sind vergeschlechtlichte Charakteristika, die Karin Hausen schon 1976 als angelernte Rollenmuster enttarnte. Soviel zum Modernisierungsaspekt der Technik.

Aber auch die Technik-Nutzer*innen schaffen es nicht aus diesem Korsett auszubrechen: Jenseits von realweltlich zugewiesenem Geschlecht könnten wir als User*innen im virtuellen Raum nach Belieben alle möglichen Identitäten annehmen und ganz frei neue Körper erschaffen. Wir tun es aber nicht: Denn obwohl der Fantasie dank Technologie keinerlei Grenzen gesetzt werden, wird sogar verstärkt auf traditionelle Geschlechtercodes einer Frau-Mann-Dyade zurückgegriffen, als dass wir die Überwindung veralteter Geschlechterkonzepte feiern könnten.

Ebenso hinderlich ist die Gruppe der Entwickler*innen von Technik. Denn das Gleichberechtigungs-Potenzial eines technischen Produktes steht und fällt mit dem sozialen Erfahrungsraum der*des Macher*in.  Fakt ist, dass bisher immer noch fast ausschließlich Männer* in der Tech-Industrie arbeiten. Die Szene ist getränkt durch den von Laura Mulvey geprägten Begriff des männlichen Blicks. Dass das Bild eines nackten Frauenkörpers zum ersten Referenzbild algorithmischer Bilderkennung auserkoren wurde, lag übrigens daran, dass ganz zufällig ein Playboy herumlag.  Aber das war ja 1973, höre ich einige kritische Stimmen rufen. All jenen möchte ich eine Leseempfehlung geben: Ein kürzlich erschienenes Buch von Emily Chang, amerikanische Journalistin des Bloomberg Technology TV, gibt Einblicke in Geschichte und Gegenwart des Silicon Valley. Der Titel des Buches lautet „Brotopia“. Ein Wortspiel aus dem Amerikanischen „Bro“ für frauenausschließende Männerbündnisse und „utopia“ als Synonym für paradiesische Verhältnisse.

Literatur

Bath, Corinna (2003): Einschreibungen von Geschlecht: Lassen sich Informationstechnologien feministisch gestalten? In: Weber, Jutta/Bath, Corinna: Turbulente Körper, soziale Maschinen. Feministische Studien zur Technowissenschaftskultur, Opladen: Leske + Budrich, 75-98

Funken, Christiane (2000): Körpertext oder Textkörper – Zur vermeintlichen Neutralisierung geschlechtlicher Körperinszenierungen im elektronischen Netz. In: Becker, Barbara/Schneider, Irmela (Hrsg.): Was vom Körper übrig bleibt. Körperlichkeit – Identität – Medien, Frankfurt/Main: Campus, 103-130

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