Christian Peter Wilhelm Beuth

Diskurs

Aktuell führt die Beuth Hochschule einen Diskurs über antisemitische Äußerungen Beuths. Neben der eingeübten Rezeption des „Vaters der Ingenieurwissenschaften“ wird Beuth jetzt auch als Antisemit wahrgenommen und kritisch beleuchtet. Belege hierfür sind seine judenfeindlichen Äußerungen in einer Rede der Deutschen Tischgesellschaft sowie Bestrebungen in seiner Funktion im Staatsrat Preußens zur Vereinheitlichung der Gesetzgebung gegenüber Juden in den altpreußischen Gebieten und den seit 1815 zum Königreich gelangten Territorien, an denen er beteiligt war. Hier wird Beuths Antisemitismus exemplarisch. Christlich motivierter Judenhass und ein biologistisch argumentierender Antisemitismus überlagern Beuths Äußerungen in dieser Zeit.

Beuth steht für angewandte Bildungs- und Wissenschaftstradition; die Technische Fachhochschule Berlin hat 2009 seinen Namen mit einer Umbenennung hervorgehoben. In der Hochschule, die sich uneingeschränkt den pluralistischen Prinzipien einer Zivilgesellschaft verschrieben sieht, wird jetzt ergebnisoffen über die Person Beuth diskutiert, die vor dem erweiterten Hintergrund neu zu bewerten ist.

Eine Stellungnahme eines Hochschulprofessors im Jahr 2017 war Startpunkt für den Diskurs um die Person Beuth. Die Mitglieder der Beuth Hochschule haben sich dieser Aufgabe zugewendet, u. a. indem ein fachwissenschaftliches Gutachten beauftragt wurde und dessen Ergebnisse im Mai und Juni 2018 präsentiert wurden. Der Akademische Senat hat die Einrichtung einer Arbeitsgruppe beschlossen, in der alle Statusgruppen der Hochschule vertreten sind und die durch Fachwissenschaftler/-innen und Mitglieder fachspezifischer Vereine/Verbände und Einrichtungen ergänzt wird. Ebenso wird durch hochschulöffentliche Veranstaltungen verschiedenen Formats – sowohl in der Lehre als auch mit Informationsveranstaltungen –  nach adäquaten Formen des Umgangs mit ihrem Namensgeber gesucht. Dieses sind erste Schritte im verantwortungsvollen Umgang mit der Historie und der Persönlichkeit Beuths und ihren Auswirkungen auf die Hochschule.

Das Präsidium und die Mitglieder der Beuth Hochschule distanzieren sich entschieden und eindeutig von den antisemitischen Äußerungen und Handlungen ihres Namensgebers, die nun durch Gutachten bestätigt sind. Die Beuth Hochschule für Technik Berlin ist eine weltoffene Hochschule, die für Toleranz und Diversität steht, in der Menschen – Studierende, Lehrende, Mitarbeitende  –  aus 118 Ländern miteinander lernen und arbeiten.

Die Präsidentin der Beuth Hochschule für Technik Berlin, Prof. Dr. Monika Gross, bringt es auf den Punkt:

„Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und generell Diskriminierungen geben wir keinen Raum. Unsere Hochschule zeichnet sich tagtäglich durch gelebte Vielfalt im Studium, der Lehre und in der Forschung aus. Gesellschaftliche Schranken zu überbrücken, Vorurteile abzubauen und den Dialog zwischen Kulturen zu führen und zu fördern, ist uns Verpflichtung. Dies erfolgt nun auch durch den begonnenen Diskurs zur Person Beuth mit allen Mitgliedern der Hochschule.“

Nach einem ersten Symposium zum Thema „Christian Peter Wilhelm Beuth in seiner Zeit“ im Januar 2019, findet am 9. Januar 2020 ein zweites Symposium unter dem Titel „Für und Wider einer Namensänderung“ statt.

Unter Studierenden, Lehrenden und Mitarbeitenden wurde im Februar 2019 ein aktuelles Meinungsbild abgefragt. Die Auswertung steht den Mitgliedern der Hochschule nun zur Verfügung.


Christian Peter Wilhelm Beuth (1781 – 1853)

Christian Peter Wilhelm Beuth (28. Dezember 1791 – 27. September 1853) hat im frühen 19. Jahrhundert einen wesentlichen Beitrag für die industrielle Entwicklung sowie die Modernisierung und Professionalisierung der handwerklich-technischen Ausbildung in Preußen geleistet.

Geboren im niederrheinischen Cleve, studiert er ab 1798 Rechts- und Kameralwissenschaften an der pietistisch geprägten Universität Halle/Saale. 1801 tritt er in den preußischen Staatsdienst ein. Schnell steigt er als Beamter auf.  1811 wird er zum Geheimen Obersteuerrat in das preußische Finanzministerium berufen.

Ab 1817 gehört Beuth – als preußischer Reformer der Gewerbepolitik – dem neuen Handelsministerium an. Nach dessen Auflösung 1825 tritt er in das Ministerium des Innern ein. Dort wird er 1830 als Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat Direktor der Abteilung für Handel, Gewerbe und Bauwesen.

Seit 1821 ist Beuth Mitglied des Staatsrats, dem zentralen Gremium der Beratung und Beschlussfassung von Gesetzen in Preußen. 1845 tritt Beuth aus Altersgründen von seinen Ämtern zurück. Nach seinem Tod 1853 erhält er ein Ehrengrab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte.

Beuth ist ein Förderer von Bildung und Innovationen auf dem Gebiet der Natur- und Ingenieurwissenschaften. Er ist ab 1819 Direktor der Technischen Deputation für das Gewerbe. Diese Vereinigung von Beamten, Bürgern, Wissenschaftlern und Unternehmern hat sich der Erneuerung der preußischen Gesellschaft verschrieben: Nicht mehr eine abstrakte Gelehrsamkeit, sondern die praktische Anwendung von technischen Erfindungen sollen Industrie und Wirtschaft konkurrenz- und weltmarktfähig machen.

Zur Informationsbeschaffung reist er ins Ausland und bringt Zeichnungen, Modelle und Teile von Anlagen sowie Maschinen mit, die er zu Hause prüft und weiterentwickeln lässt. Außerdem werden diese Beschaffungen u. a. aus England, Frankreich oder den Niederlanden auf ihre Neuheit geprüft und analysiert. Durch diese bisher unbekannte Herangehensweise und Auseinandersetzung mit wissenschaftlich-technischen Objekten weist Beuth der späteren deutschen Patentgesetzgebung den Weg.

1821 gründet Beuth nach englischem und französischem Vorbild den Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes in Preußen. Als Vereinsvorsitzender bringt er eine der ersten technischen Zeitschriften in Deutschland auf den Weg: Die Verhandlungen des Vereins zur Beförderung des Gewerbefleißes erscheinen von 1822 bis 1930 und stehen ganz im Sinne des wissenschaftlichen Austausches

Als Reformer der Lehre ist Beuths Ziel die Gründung einer Lehranstalt, die nicht nur theoretische Kenntnisse, sondern ergänzend praktisch relevante Fertigkeiten vermitteln soll.

Am 1. November 1821 wird in den Räumlichkeiten des Vereins zur Beförderung des Gewerbefleißes in der Klosterstraße die Technische Schule eröffnet. Hier werden junge Menschen mit zusätzlichen natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fertigkeiten für höhere Tätigkeiten qualifiziert. Die Schule wird 1827 in den Stand eines Königlichen Gewerbe-Instituts erhoben und 1866 zur Gewerbe-Akademie ausgebaut. Vom Erfolg der Einrichtung zeugen die Karrieren zahlreicher Absolventen, unter ihnen der Maschinenbauer und Mitbegründer des Vereins Deutscher Ingenieure Franz Grashof (1826 – 1893), nach dem ein Gebäude auf dem Campus der Beuth Hochschule benannt ist.

Die Technische Schule geht 1879 in der neu gegründeten Königlich Technischen Hochschule zu Berlin auf, der heutigen Technischen Universität Berlin.

An die Tradition der Beuth’schen Technischen Schule knüpft die am Weddinger Zeppelinplatz im Jahr 1909 neu eröffnete Technische Mittelschule an. Seit 1913 trägt sie den Namen Beuth-Schule – Höhere Technische Lehranstalt. Sie ist eine der direkten Vorgängereinrichtungen der heutigen Beuth Hochschule.

Ein bronzenes Standbild mit Karl Friedrich Schinkel, Albrecht Daniel Thaer und Christian Peter Beuth auf dem Schinkelplatz vor der Berliner Bauakademie erinnert an ihre Verdienste. Ein weiteres Denkmal zeigt Beuth im Gespräch mit Wilhelm von Humboldt. Es befindet sich in der Berliner Burggrafenstraße vor dem Deutschen Institut für Normung (DIN), dessen Verlag ebenfalls den Namen Beuths trägt. Neben dem nach ihm benannten Haus Beuth auf dem Campus der Hochschule, einer Briefmarke der Deutschen Bundespost sowie mehreren Straßennamen in Berlin, Leipzig und Düsseldorf, erinnert auch eine Lokomotive mit dem Namen Beuth im Deutschen Technikmuseum Berlin an seine Lebensleistung.


Diskurs Beuth - Zeitlicher Ablauf

April 2017   

  • Erste Antisemitismusvorwürfe gegenüber C.P.W. Beuth durch Prof. Dr. phil. habil. Achim Bühl
  • Präsidium beauftragt externe Historiker für weitere Nachforschungen

Juni 2017   

  • Stellungnahme Prof. Dr. phil. habil. Achim Bühl
    (Stellungnahme zum Antisemitismus des Peter Beuth (1781 – 1853). Informations- und Diskussionspapier, Verfasser: Prof. Dr. phil. habil. Achim Bühl, FB I Stand: 1. Juno 2017)
  • Erster Zwischenbericht der externen Historiker

September 2017  

  • Zweiter Zwischenbericht der externen Gutachter
    (Schölzel/Rudolph, Christian Peter Wilhelm Beuth (1781-1853), Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) und ihre Haltung zum Judentum. Eine erste historiographische Einschätzung)

Januar 2018

  • Stellungnahme Prof. Dr. rer. nat. Gerhard Ackermann und Prof. Dr.-Ing. Reinhard Thümer
    (Ackermann, Thümer, Christian Peter Wilhelm Beuth. Namenspatron der „Beuth Hochschule für Technik Berlin“)

Mai 2018

  • 10-Thesen Papier Prof. Dr. phil. habil. Achim Bühl
    (Bühl, Zehn Thesen zum Antisemitismus von Christian Peter Beuth)
  • Finales Gutachten der externen Historiker
    (Schölzel, Rudolph, Christian Peter Wilhelm Beuth (1781-1853) und seine Haltung zum Judentum. Eine historiographische Einschätzung)
  • 24.5.: Bericht zum Thema Beuth im Akademischen Senat

Juni 2018 

  • 6.6.: Jour Fixe des Präsidiums zum Thema Beuth
  • 7.6.: Akademischer Senat richtet Arbeitsgruppe „Diskurs Beuth“ ein
  • 20.6.: Podiumsdiskussion des FB I zum Thema Beuth
  • 22.6.: Bericht zum Diskurs Beuth im Kuratorium
  • 28.6.: Bericht zum Diskurs Beuth in der Akademischen Versammlung

Juli 2018

  • 4. und 18.7.: Sitzungen AG „Diskurs Beuth“

September 2018

  • 24. und 28.9.: Sitzungen AG „Diskurs Beuth“ mit externen Gästen - Prof. Dr. Uffa Jensen (TU Berlin, Zentrum für Antisemitismusforschung) und Prof. Dr. Andreas Nachama (Direktor Stiftung Topographie des Terrors)

Oktober 2018 

  • Gründung Initiative zur Umbenennung der Beuth Hochschule für Technik Berlin
  • Stellungnahme Prof. Thümer
    (Thümer, Christian Peter Wilhelm Beuth, ein Antisemit?)
  • 15.10.: Sitzung AG „Diskurs Beuth“
  • 16.10.: Kritische Orientierungswochen (AStA): Gesprächsrunde zum Diskurs Beuth
  • 25.10.: Zwischenbericht der AG „Diskurs Beuth“ im Akademischen Senat (25.10.)

November 2018   

  • 14.11.: Sitzung AG „Diskurs Beuth“ mit externem Gast - Prof. Dr.-Ing. Reinhard Thümer

Dezember 2018       

  • Stellungnahme Prof. Dr. phil. habil. Achim Bühl
    (Bühl, Stellungnahme zum Papier „Christian Peter Wilhelm Beuth, ein Antisemit?“ des Altpräsidenten Prof. Dr.-Ing. Reinhard Thümer)
  • Gründung Studentische Initiative für einen schönen Hochschulnamen
  • 10.12.: Jour Fixe des Präsidiums zum Thema Beuth
  • 11.12.: Sitzung AG „Diskurs Beuth“ mit einem Gast - Prof. Dr. phil. habil. Achim Bühl (Beuth HS)

Januar 2019

Februar 2019

  • 4.2.: Präsidium im Gespräch mit dem Antisemitismusbeauftragten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin
  • 6.-20.2.: Umfrage zum Diskurs Beuth
  • 7.2.: Sitzung AG „Diskurs Beuth“

März 2019       

  • 21.3.: Sitzung AG „Diskurs Beuth“ - Auswertung der Umfrage

April 2019

  • 11.4.:  AG „Diskurs Beuth“ stellt Ergebnisse der Umfrage dem Akademischen Senat vor
  • Mitglieder des AS befinden über weiteres Vorgehen im Sommersemester 2019
  • Ergebnisse der Umfrage zum Diskurs Beuth werden auf den Webseiten der Hochschule veröffentlicht.

Mai 2019

  • 7.5.: Sitzung AG Diskurs Beuth

Juni 2019

  • 6.6.: Bericht im Akademischen Senat: Weiteres Vorgehen der Hochschule mit den Erkenntnissen zu Beuths Antisemitismus sowie Antrag auf Anpassung des Leitbildes der Hochschule
  • 17.6.: Sitzung AG Diskurs Beuth
  • 27.6.: Sitzung AG Diskurs Beuth

Juli 2019

  • 4.7.: Bericht im Akademischen Senat – Vorstellung Ideen für ein zweites, internes Symposium im Januar 2020
  • 11.7.: Bericht im Akademischen Senat – Hintergrundinformationen Gutachten
  • 17.7.: Sitzung AG Diskurs Beuth
  • 18.7.: Sitzung AG Diskurs Beuth  mit externen Gästen: Sara Nachama (Rektorin Touro College Berlin) und Prof. Dr. Klein (Dean Touro College Berlin)

September 2019

  • 9.9.: Sitzung AG Diskurs Beuth

Oktober 2019

  • 11.10.: Sitzung AG Diskurs Beuth

 

Die Akademische Versammlung ist das zuständige Gremium (vgl. auch Beuth HS Grundordnung § 16 (1)), welches über den Namen der Hochschule zu entscheiden hat


Dokumente

Bis 22.01.2019, 13:55 Uhr, war hier die Stellungnahme Christian Peter Wilhelm Beuth. Namenspatron der „Beuth Hochschule für Technik Berlin“ von Prof. Dr. rer. nat. Gerhard Ackermann und Prof. Dr.-Ing. Reinhard Thümer abrufbar. Die Autoren haben die Veröffentlichung zurückgezogen.


Bis 22.01.2019, 13:55 Uhr, war hier das Dokument Christian Peter Wilhelm Beuth, ein Antisemit? („Thümer II") von Prof. Dr.-Ing. Reinhard Thümer abrufbar. Der Autor hat die Veröffentlichung zurückgezogen.


Arbeitsgruppe Diskurs Beuth

Eine durch den Akademischen Senat der Beuth Hochschule eingesetzte Arbeitsgruppe befasst sich derzeit mit dem Diskurs um Christian Peter Wilhelm Beuth.


Initiativen